Was ist Karate nun eigentlich?

Eine Selbstverortung von Stephan Yamamoto

Eine Aussage über das zu machen, was Karate genau ist, ist wenigstens so schwer wie Religion zu definieren. Im Grunde ist es fast unmöglich. Was Karate — aus meiner Perspektive — dagegen nicht ist, habe ich in den vergangenen Jahren oft geäußert. Die gängigen Missverständnisse aber bleiben bestehen.

In einem bereits veröffentlichten Artikel habe ich einen Versuch unternommen, Karate als leeren Signifikanten darzustellen, also zu zeigen, daß Karate für das jeweilige Individuum genau das darstellt, was er oder sie aufgrund bisheriger Erfahrungshorizonte darin sehen muss oder möchte (Yamamoto 2014 passim). Karate ist kein vom Himmel gefallener Monolith. Es entsteht durch das, was wir damit tun: durch das Training, und was wir darüber sagen oder schreiben. Karateka mit einer Wettkampfkarriere sehen ihr Karate als Sport und wenden zwangsläufig die Theorien und Methoden athletischen bzw. leistungsorientierten Trainings an. Diejenigen, die sich vermeintlich traditionell oder klassisch orientieren, tun das ihrer Meinung nach nicht. Sie sehen Karate als Kampfkunst an, deren Wahrheitswirkichkeit eine „Versport(lich)ung“ des Karate meist negativ wertet.

Dabei sind jene Traditionen selten in „Reinform“ zu finden. Sie bestehen meist aus Mischformen, die zum einen sportlich beeinflusst sind und zum anderen den Wettkampferfolg als Teil jener Kampfkunst-Tradition ausmachen. „Wahrheitswirkichkeit“ deswegen, weil es sich hier nicht um unumstößliche Tatsachen haldelt, sondern in erster Linie um „Geschmack“. Oder: Was sehe ich — für mich selbst — im Karate? Was habe ich zuerst darunter gelernt? Was bedeutet es mir? Was gibt es mir für mein Leben? Das sind Fragen, die nicht allgemein beantwortet werden können. Sie sind abhängig vom impliziten Kontext, den eigenen Erfahrungen und dem, was man erreichen will. Oder wie Yokoyama Kazumasa es ausgedrückt hat:

Everything that we do has to come from your experience, [your] heart, and your imagination. (Yokoyama 2009).

Die Praxis des Karate unterliegt somit zuerst eigenen Definitionen. Diese unterliegen wiederum dem, was der Einzelne darüber kennen gelernt hat. Dazu gehören auch das Potenzial zur Bildung von Identität und Community sowie welterklärende Rhetoriken, die sowohl im sportlichen wie im traditionellen Lager aus religiös inspirierten Zuschreibungen stammen können. So entstehen „Tradition“. Das bekannteste Beispiel dafür ist, Karate als eine Praxis des Zen-Buddhismus zu betrachten — auch wenn sich dies religionshistorisch widerlegen lässt.

Da Karate aus der Praxis heraus entsteht, können wir im Grunde von keinem noch so kleinen, gemeinsamen Ursprung ausgehen, der bindend für alle Formen und Schulen des Karate wäre. Selbst der menschliche Körper, d.h. die biomechanische Grundlage des Kämpfens, tritt als kleinster gemeinsamer Nenner zunächst hinter das zurück, was die Praxis in erster Linie ausformt: die Agenda des Lehrers, die Zielsetzung des Trainings, religiöse Vorstellungen (auch wenn sie gerne als „psychologisch“ oder „philosophisch“ bezeichnet werden) sowie individuelle Befindlichkeiten.

Da Karate somit eine große Bandbreite an Bedürfnissen bedienen zu können scheint, kann es auch als allmächtiges Vehikel aufgefasst werden, welches jeden zur erwünschten Form eines Heilsziels tragen kann. Diese sozialen, gesundheitlichen und identifikatorischen Wirkmächte finden sich in jeder Auffassung über Karate wieder. Aber diese Wirkmächte sind nicht a priori vorhanden. Sie entstehen erst durch die Praxis der einzelnen Akteure und werden stets aufs Neue ausgehandelt, wenn z.B. in sozialen Netzwerken Diskurse darüber geführt werden ob Karate zur Selbstverteidigung geeignet sei oder nicht. Karate als diskursiver Begriff, als leerer Signifikant, der wiederum der diskursiven Macht seiner Akteure unterliegt? So würde Karate aus einer kulturwissenschaftlichen Perspektive aussehen. Da ich selbst als diskursmächtiger Akteur gelten muss, ist die Frage die, wo ich mich innerhalb dieses Diskurses sehe. Und worin ggf. mein persönliches Heils- bzw. Karate-Ziel bestehen könnte.

Meine eigene Karate-Praxis, die meine Selbstverortung vornehmlich bestimmen muss, entstand nicht an einem Punkt in der Vergangenheit und blieb seitdem unveränderlich bestehen. Bis heute verändert sich mein Karate, wodurch ich mein Training und die daraus folgenden Erkenntnisse stets neu bewerten muss. Diese Erkenntnisse bestehen z.B. in der Rezeption von Training bei verschiedenen Lehrern, in der Auswertung fundierter Karate-Literatur, Vorführungen, bewegungstherapeutischen Beiträgen u.v.m. Dies alles gleiche ich mit dem ab, was ich als meine „Karate-Ausbildung“ oder „-Studium“ bezeichne, also die Zeit im Shushukan in Okayama und das Training in Kyoto und Tokyo, sowie die Zeiten davor und danach. Beziehe ich all diese  Einflüsse mit ein, muss ich mich zwangsläufig von „dem“ Karate (oder einem Karate „an sich“) verabschieden. Laut Funakoshi gibt es aber doch nur ein Karate, oder nicht? Richtig, nämlich das Karate, das jeder für sich individuell erfährt. Deshalb ist mein Karate gleichzeitig „das eine“ Karate für mich.

Hinzu kommt, daß es zu einem großen Teil ästhetische Präferenzen sind, nach denen ich bestimmte Inhalte verfolge und andere vernachlässige. Ästhetisch bedeutet in diesem Fall nicht, daß diese Inhalte schön sind. „Ästhetisch“ bezieht sich zuerst darauf, wie Menschen Dinge sinnlich wahrnehmen und bewerten. Und dies formt ebenso meine Trainingspraxis, die mein Karate im Wesentlichen entstehen lässt. Das bedeutet konkret: Ich persönlich betreibe kein Karate, das sich durch Wettkampfregeln oder bestimmte, religiös inspirierte Zuschreibungen kommuniziert, weil ich etwas besseres, älteres oder vielleicht authentischeres gefunden hätte. Ich betreibe jenes Karate — mit welchem ich mangels Kenntniss über andere Schulen und Lehrlinien seinerzeit begonnen hatte — nicht (mehr), weil ich es heute anders bewerte: Es spricht mich ästhetisch nicht an. Auf der anderen Seite kann ich kaum mein ästhetisches Empfinden allein zum Maßstab meines Unterrichts erheben, denn meine Schüler nehmen Karate (und damit auch mein Karate) möglicherweise ganz anders wahr als ich.

Daß es kein Karate „an sich“ geben kann, liegt jedoch nicht nur in der individuellen ästhetischen Bewertung begründet. Daneben spielt vor allem das eine Rolle, was ich als „Körperlichkeit“ bezeichne. Zwei grundlegende Punkte aus der Somatik ziehe ich dazu heran: zum einen, daß Bewegung organisch — also dem Organismus gemäß — sein muss. Sonst führt das Training zu Schmerzen, Verletzungen und schließlich Invalidität. Zum anderen ist eine Bewegung niemals perfekt, sie lässt sich jedoch immer weiter verbessern (Feldenkrais 1996 passim). Der Grad dieser Verbesserung und die eigenen körperlichen Voraussetzungen bestimmen also die Karate-Praxis im Kontext menschlicher Bewegung, indem sie Grenzen und Möglichkeiten aufzeigen. Mit diesen Grundsätzen kann ich mein Karate gegenüber einem anderen Karate abgrenzen, wenn letzteres z.B. verletzungsträchtig ist, weil es die Grundsätze menschlicher Bewegung missachtet. Hierbei kommen allerdings wieder ästhetische Ansprüche zum Tragen: Ein Karate, daß die individuelle Beschaffenheit seiner Körper missachtet, spricht mich wahrscheinlich auch ästhetisch nicht an. Harte, ruckartige Bewegungen, die Gelenke schädigen können, bei gleichzeitiger Generierung von Kraft durch die Muskeln der Extremitäten (und nicht durch die großen Muskeln an Becken und Rumpf), scheinen einem Publikum jedoch zu gefallen und geben den Akteuren das Gefühl, kraftvolle Bewegungen auszuführen, die in ihrer Wahrheitswirklichkeit auch in einer kämpferischen Situation als wirksam gelten.

Betrachte ich also eine Form von Karate, sehe ich mir zuerst die Bewegungen des jeweiligen Akteurs genau an. Dabei sehe ich von einer äußerlichen Bewertung von „Techniken“ ab und achte auf die Qualität der Bewegungen in ihren einzelnen Abschnitten. Also z.B. wie die verschiedenen Körperteile — die über unterschiedliche Gelenktypen verbunden sind — Kraft übertragen. Daraus leite ich dann für mich die Wirksamkeit der Techniken ab, die sich aus diesen Bewegungskomplexen zusammensetzen. „Techniken“ sind ebenso wenig wie Karate etwas Feststehendes. Verändert man die Bewegung eines Körperteils zum Nachteil, wird die Technik als Gesamtheit von Bewegungen scheitern. Das Verbessern von Techniken setzt daher ein Verbessern von Bewegungen voraus.

Im nächsten Schritt interessiert mich die diesen Bewegungskomplexen zugrundeliegende Methode. Sind die Adepten dieser Methode in der Lage, ihre Bewegungen organisch zu sehen und zu verbessern? Wonach werden ihre Fortschritte bewertet? Welchen ästhetischen Gesichtspunkten folgt das Ziel jener Methode? Was ließe sich verbessern? Dabei spielen Authentizität oder Tradition nur dann eine Rolle, wenn eine intakte Lehrlinie besteht, die eine sinnvolle Methode vermittelt. Nicht um einer langen, ununterbrochenen Genealogie willen (die in den meisten Fällen nur identifikatorisch besteht). Sondern weil jede Generation, die dieser Schule folgt, auf der Basis dieser Methode ihre eigenen Bewegungen (und damit ihr eigenes Karate) entdecken und entwickeln, somit also stets neu bewerten müssen. Dazu muss die Methode geeignet sein, Bewegungen umfassend zu unterrichten und die erforderlichen Werkzeuge zu ihrer Verbesserung bereitzustellen.

Diese Werkzeuge bestehen wie erwähnt nicht Formen (Kata) oder Techniken, die als feststehende Entitäten (vulgo „Traditionen“) begriffen werden. Eine Kata mit einem „kriegerischen“ (also verkniffenen) Gesicht auszuführen, ergibt nur dann einen Sinn, wenn sie dadurch auch als Performance im Wettkampf oder während einer Vorführung gut bewertet wird. Vielleicht weil man einer kriegerischen Fratze Stärke zuschreibt. Dann wäre Kata allerdings nur ein performativer Akt ohne weitere Bedeutung für Bewegungsschulung und -verbesserung. Im eingangs erwähnten Artikel stellte ich einen Vergleich zwischen jener Performanz und einem Sportschützen auf, der seine Waffe auf sich richtet, um ihre Wirksamkeit zu demonstrieren, anstatt auf eine Scheibe zu schießen (Yamamoto 2012). Betrachtet man eine so vorgetragene Kata aus einem bewegungsbezogenen Blickwinkel, muss man sie negativ bewerten, unabhängig davon, wie überragend die athletische Leistung sein mag.

Der Diskurs über Karate findet also auf der Basis von ästhetischen und bewegungsbezogenen Aspekten statt. Diese Aspekte verändern sich im Verlauf einer Karate-Karriere, was oft vernachlässigt wird. In den Diskurs fließen möglicherweise zuerst generalisierte Momentaufnahmen ein. Wobei religiöse oder durch Schönheitsideale inspirierte Zuschreibungen an jene Aspekte mit historischen und biologischen Fakten ebenso vermischt werden wie mit den individuellen Ansprüchen an diese Aspekte. D.h. die eigene Schule und die durch sie vermittelte Lehrlinie, die die Methode bereitstellt Bewegungen zu lehren und zu verbessern, ist auch eine Frage des Geschmacks, was eine Übereinkunft hinsichtlich „des einen“ Karate erschwert. Allerdings muss auch die Frage erlaubt sein, ob eine Übereinkunft — ein Karate „an sich“ — überhaupt erstrebenswert wäre, wenn Menschen und ihre Körper unterschiedlich sind.

Mein Karate ist also ästhetisch bestimmt, basiert auf den Grundsätzen menschlicher Bewegung, wie sie von u.a. von Feldenkrais formuliert wurden, und wird in der Praxis von Training (und Unterricht) sowie im Diskurs ausgehandelt und aktualisiert. Diese Aktualisierung befindet sich außerdem im wiederkehrenden Abgleich mit der Tradition des Shushukan, der ich bis heute angehöre. Da Traditionen aufgrund menschlicher (und damit körperlicher) Inidividualität fluide sind, weil sie sich selbst ebenfalls stets neu vermittlen müssen, ist meine Karate-Ausbildung genausowenig ein fester Block unumstößlicher Wahrheit, wie meine eigene Praxis. Andere Traditionen, Praktiken und Bewegungskonzepte können daher zu anderen Schlüssen kommen und sich inhaltlich von meiner Auffassung unterschieden. Karate ist damit also nicht abschließend definierbar. Das ist der leere bzw. flottierende Signifikant „Karate“ (Yamamoto 2014: passim).

Wie sind dann Präferenzen zu sehen und zu bewerten? Wann ist eine Form von Karate objektiv besser oder schlechter geeignet für eine konkrete Person? Wie ist eine entsprechende heuristische Bewertung vorzunehmen? Die Antwort liegt ebenso in den Erfahrungswerten derer, die lehren wie auch derer, die lernen. Erfahrung schafft vor dem Hintergrund sinnlich-ästhetischer und körperlicher Praxis eine Form impliziten Wissens (Yamamoto 2017: passim). Das bedeutet grob gesagt, wer eine Tradition (Schule, Methode) nicht selbst mittels Ausbildung in jener Tradition mit Erfolg durchlaufen hat, wird die für diese Tradition charakteristischen Punkte nicht nachvollziehen können. Der „Geschmack“ ist hier also dominant ggü. einer möglichen universellen Wahrheit des „einen Karate“. „Recht“ hat demnach derjenige, dessen implizite Expertise von außen nachvollziehbare – also explizite – Ergebnisse liefert. Darin besteht das Können eines Lehreres oder „Meisters“: Er vermag das Implizite (das „Unbeschreibbare“) seiner Methode begreifbar zu machen.

Anders gesagt: Um das eine (d.h. das für einen selbst richtige) Karate zu finden, ist eine fundierte Ausbildung unter einem kompetenten Lehrer erforderlich, der den Grund für ein ungefährliches Erfahren seiner Methode bereitstellt. Stellt sich diese Methode als die nicht geeignete heraus, ist es am Lernenden, einen Lehrer bzw. eine Methode zu finden, die geeignet ist. „Trial and Error“ oder ausprobieren und weitersuchen sind dabei nicht zu vermeiden. Sie sind eher grundlegend notwendig, um erfolgreich zu sein. Häufig verändert sich während der Ausbildung in einer Tradition die eigene Perspektive hinsichtlich dessen, was das eine Karate ist. So folgt man in seiner Karriere oft mehreren Strömungen und Methoden. Das ist eher der Normalfall als die Ausnahme.

Karate ist damit weder allein eine Sportart, die von allen gleich ausgeübt wird – auch wenn das die Trainingsrealität in den meisten Schulen und Vereinen sein dürfte. Noch ist es eine allein religiöse Praxis, die ihre Wurzeln im Buddhismus sucht, während man seinen Körper durch unreflektiertes Training nachaltig schädigt. Ist es eine rein bewegungsbezogene Praxis? Wenn ja, was unterscheidet Karate von „Kungfu“ oder dem Spielen von Jazzdrums? Einige Akteure grenzen ihr Karate um ihrer Identität willen davon ab. Andere tun es nicht. Ich tue dies ebenfalls nicht. Für mich ist Karate das selbe, wie die Praxis mit dem Schwert, „Kungfu“ oder auf richtige Weise zu gehen und zu sitzen. Setze ich meine Füße jeweils verschieden, um zu schagen oder um Schweres zu haben? Sicher nicht. Mein Karate ist menschliche Bewegung, die aufgrund nicht vorhandener Leistungsziele kein Sport ist. Dennoch fühle ich mich fit. Gibt es mir Zuversicht, auch wenn ich kein religiöser Mensch bin? Das ganz sicher. Was (m)ein Karate ausmacht, ist meine Sache, denn egal ob Bewegung oder religiöse Gefühle: Beides entsteht im Menschen, als Produkt dessen Erfahrung, und wird durch Handlungen nach außen kommuniziert. Vielleicht ist sollte daher die Frage nicht lauten: „Was ist Karate (nun eigentlich)?“, sondern besser: „Was sage/ tue/ vermittle ich, wenn ich (m)ein Karate kommuniziere?“.

 

Quellen

Feldenkrais, Moshé (1996). Bewußtheit durch Bewegung. Frankfurt/ Main: Suhrkamp.

Yamamoto, Stephan (2012). Karate und Gesundheit. in: Karate – Fachzeitschrift des Deutschen Karate Verbandes e.V., Ausgabe 2 und 3/2014. http://www.karate.de/downloads/viewcategory/122-karate-das-dkv-magazin.

———————— (2014). Probleme in der Rezeption traditioneller Kampfkunst in der westlichen Welt – am Beispiel des Karate. in: Peter Kuhn und Anja Marquardt (Hg.): Von Kämpfern und Kämpferinnen – Kampfkunst und Kampfsport aus der Genderperspektive – Kampfkunst und Kampfsport in Forschung und Lehre 2014. Schriften der Deutschen Vereinigung für Sportwissenschaft. Band 249. Hamburg: Feldhaus. S. 40-48.

———————— (2017): „Die Verkörperlichung impliziten Wissens – Japanische Martial Arts als material verfasste, religionsanaloge Formationen“. Bachelorarbeit. Universität Heidelberg: Institut für Religionswissenschaft.

Yokoyama Kazumasa (2009). Interview with a Master. https://youtu.be/VFp_Wkc37h0 (zuletzt abgerufen am 31.08.2016).