Stock + Schwert + Karate = ?

Karadeera-Seminar „Schwert und Stock“, Heidelberg im Februar 2017

Ein Sediment der legendären Stock-und-Schwert-Seminare von Karadeera und des Jitte-Seminars im Oktober 2013 in Bremen ist das heutige Training mit Bokken (Holzschwert) und Jō (Stock, ca. 1,30 m) in unserer Gruppe in Leimen bei Heidelberg. Seit letztem Jahr gehört dies zu unserem „Karate“ verpflichtend dazu. Davor habe ich im Training wie auch auf meinen Seminaren stets das japanische Schwert rekurriert.

Warum nicht Hanbō (Kurzstock) oder Bō (Langstock)? Was ist mit Tonfa und Sai? Nun, die sehe ich als eine persönliche Note, eine Spezialisierung, die erst dann zum Tragen kommt, wenn Schwert und Jō beherrscht werden. Wozu Kata um Kata mit dem Bō lernen, wenn man ansonsten nichts damit anzufangen weiß? Ein Grundsatz der Arbeit mit Waffen ist der, daß man die angreifende Waffe beherrschen sollte, will man sie erfolgreich abwehren. Eine Kata mit dem Bō ist folglich nutzlos, wenn man damit nicht in der Lage ist, den Angriff mit einer Klingenwaffe abzuwehren.

 
Seminar zur Kata „Jitte“ mit dem Stock, Bremen im Oktober 2013

Beim Hanbō bzw. „Hanbo-Jitsu“, das auch als „Karate with a stick“ (oder „Bō-Karate“) bekannt war, bin ich vorsichtig. Er entstammt keiner wirklichen Lehrtradition außer jener der Bücher des Falken-Verlags aus den 1970ern. Authentisches Koryū mit dem Hanbō dürfte kürzlich erst mit der Kukishindenryū bzw. Kukishinryū in Europa angekommen sein. Darüber hinaus ist der Jō aufgrund seiner Länge eher geeignet, gemeinsam mit dem Schwert eine methodische Einheit zu bilden.

Zu hören wie zu lesen sind oft die Einwände, der Jō sei japanisch, nicht okinawanisch. Und Schwert und Karate passten gar nicht zusammen. Was letztendlich „japanisch“ oder „okinawanisch“ (und damit weniger oder mehr „echtes“ Karate) ist, ist keine Frage einer inhärenten Originalität, sondern eine konstruierte Abgrenzung, um die eigene Schule oder die Lehre, der man folgt, zu legitimieren. So funktioniert die Bildung von Identität.

Unsere Gruppe bildet ihre Identität ebenfalls auf einer solchen Abgrenzung. In diesem Fall grenzen wir uns mittels Bokken und Jō eben von jenem „Hanbo-Jitsu“-Trend ab, der bis heute in der Budo-Sport-Szene flottiert. Das Bokken steht für meine Erfahrungen im Musō Jikiden Eishinryū Iaidō, dazu der Jō als komplementäre Waffe zum Schwert, wie es im Jōdō, im Akidō und verschiedenen Koryū-Schulen der Fall ist. Weniger wichtig ist uns dabei der Abgrenzungsvorgang selbst, als vielmehr der sinnvolle Einsatz beider Waffen zu Illustration von Bewegungsideen und Partnerarbeit. Wie in meinem kürzlch veröffentlichtem Artikel „Was ist Karate nun eigentlich?“ ausgeführt, sind es nicht konkrete Techniken mit beiden Waffen, als vielmehr die Übertragung der Charakteristika der Handhabung auf die Bewegungen ohne Waffen. D.h., die Bewegungen des Körpers unterschieden sich nicht hinsichtlich bewaffnet oder waffenlos. Bokken und Jō vermittlen darüberhinaus schnell, wie wenig Sinn eine „fokussierte Anspannung im Ziel“ (auch bekannt als „Kime“) macht. Darüber lässt sich nicht diskutieren, wie der Einsatz einer der beiden Waffen schnell zeigen kann.

Zuletzt möchte ich noch zeigen, daß es durchaus Vertreter des okinawanischen Karate gibt, die den Jō verwenden und sogar Kata damit trainieren:

(Quelle: Ryukyu Research Group auf Facebook.)

Einen Jō bzw. Bokken im Karate zu verwenden ist also von dem Moment an authentisch, wenn man sie fundiert einsetzen kann.

 

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