Seiza und dessen Nutzen für das Budo-Training

Ich bitte um die Betrachtung der ersten zehn Sekunden auf diesem Video:

Es scheint, daß Schwarzgurte hier große Probleme mit dem Setzen in und dem Aufstehen aus Seiza haben. Das sollte natürlich nicht so sein. Aber gerade im Karate gehört der Seiza zu den geringgeschätzten und mißverstandensten Bewegungen der Gegenwart. Deshalb wird meiner Erfahrung nach viel zu wenig dazu gesagt. Bzw. wird Seiza im Rahmen der formellen Etikette stiefmütterlich behandelt. Das sollte nicht so sein.

Ich habe im gestrigen Training im Bushido Östringen experimentiert. Nachdem einige Trainierende im Mae-Geri lediglich ihre Füße hochgerissen haben, um zu „kicken“ habe ich die Übung ausgesetzt, um einen medizinischen Test des Hüftbeugers durchzuführen. Die dort festgestellten Defizite haben wir dann mittels geeigneter Übungen zu beheben versucht. Dabei kamen zwei Dinge heraus:

1. Die Fehler, die im Mae-Geri gemacht werden (Hüftbeuger nicht benutzt, zurücklehnen in Rücklage, Kinn zur Brust ziehen, übermäßige Beanspruchung der Knie, Zurückkippen des Beckens, Treten nach vorne auf gerade Linie usw.) treten bei diesen Tests und Übungen ebenfalls auf, wenn die Hüftbeuger und -strecker unzureichend arbeiten. Es handelt sich also nicht um „Mae-Geri-Fehler“ im engeren Sinne, sondern um Kompensationsbewegungen: Arbeiten die Hüftbeuger nicht, springen Knie, Rücken und die Schulter-Nacken-Kopplung ein. Das führt langfristig zu Einschränkungen in den Bewegungen, die auf den Hüftbeugern aufbauen, und zu Schmerzen. 
 
2. Diese Kompensationsbewegungen erschweren auch den Seiza, was dann zu Bewegungen und Haltungen führt, wie auf dem Video oben. So kommt dann auch eine übermäßige Kniebelastung zustande, die im Seiza angeblich auftritt und diesen Sitz angeblich so ungesund erscheinen lässt. Dabei zeigt Seiza (und das ist eine seiner vielen Einsatzmöglichkeiten) hier lediglich die Defizite in der Bewegung und der strukturellen Funktion auf. Jedem, der bewegungsbezogen arbeitet (also auch Karate-Trainern) sollte dies auffallen.
 
Damit wäre nach meinem Dafürhalten Seiza kein „Ritual“, sondern eine gute Möglichkeit, die Hüftgelenksbeweger zu aktivieren und zu trainieren, um z.B. Mae-Geri zu optimieren. Damit ergäbe sich ein ganz pragmatischer Nutzen von Seiza im Kontext von „Karate beginnt und endet mit Rei.“, also dessen Einsatz zu Beginn und Ende des Trainings un der formellen Etikette.
 

Was im BJJ und dem MMA-bezogenen Training Usus ist, fehlt im Karate wie auch im allgemeinen Alltag fast völlig: die Arbeit mit dem Boden, die zu den fundamentalsten Bewegungserfahrungen unseres Lebens gehört. Diese lässt sich mittels Seiza bis zu einer gewissen Weise erhalten, denn zum Seiza gehört auch das korrekte Setzen und Aufstehen. Seiza kann also als ein „from the floor to standing [u.U.] movement pattern“ gelten, d.h. ein Bewegungsmuster, das uns die Arbeit der Hüftgelenksbeweger langfristig erhalten kann, wodurch uns deren Funktionen bis ins hohe Alter zur Verfügung stehen. Das ist auch ein Grund, warum ich mittlerweile nur noch Floorplay zur Vorbereitung auf mein Training verwende. (Ich sage bewusst nicht mehr „Aufwärmen“.) Die Bewegungen der Schwarzgurte in jenem Video oben haben jedoch bereits gerontologische Relevanz, auch wenn die meisten von ihnen das enstprechende noch Alter nicht erreicht haben dürften. Seiza nicht zu können bedeutet, die dafür notwendigen Bewegungen verlernt zu haben. Es hat mit dem Alter recht wenig zu tun.

Herangehensweisen an Seiza bieten bspw. Hino Akira und Kono Yoshinori:

Übrigens: Das Sitzen auf Stühlen mussten wir ebenfalls lange und mühsam lernen.