Karate-Ästhetik – Der Wandel der Zeit… Oder war es schon immer so?

Facebook fragt mich stets: „Was machst du so?“

Gelegentlich frage ich ab, wie sich Karate im Netz präsentiert. Und Bilder wie diese (Bilder 1 u. 2) dominieren immer mehr. So langsam sehe ich, was mich persönlich daran stört: Die Ästhetiken haben sich verändert. Der Begriff der „Ästhetik“ bezeichnet dabei nicht das Schöne, Ansprechende, sondern wie etwas hinsichtlich seiner Gestaltung sinnlich und affektiv wahrgenommen wird. D.h. etwas Hässliches ist ebenfalls „ästhetisch“, da es eine geschmacksbezogene Reaktion in uns hervorruft.

Bild 1 (Quelle: dojo-makoto.de)

Bild 2 (Quelle: mittelbayerische.de)

 

 

 

 

 

 

 

Von der Großmutter bis zum Kleinkind: Alle „machen Karate“, vielleicht weil es so gesund ist. Andere stellen den Selbstverteidigungs- und Sicherheitsaspekt heraus. Wieder andere sehen Kinder als eine bisher zu gering erschlossene Zielgruppe („kindgerechtes“ Karate). Warum ist letztendlich irrelevant. Entsprechende Marketingstrategien sind drum herum gewachsen. Kampfkunst ist durchdringend „gebrandet“, auch wenn es keine Zielgruppe für alles zwischen Kindern und Greisen zu geben scheint. (Ü30 entsprechen dabei den Greisen, und Behinderte sind als Zielgruppe immer an öffentliche Förderung gebunden, können also nur bedingt gebrandet werden.) Die „Kunden“ tragen mittlerweile nicht mehr ganz so günstige Karate-Anzüge, und jene Bilder sollen vermitteln, daß sie dadurch glücklichere Menschen sind. Dabei sind diese Bilder eins zu eins austauschbar, vergleichbar mit Werbung für Altersruhesitze oder Lokalpolitik:

Bild 3 (Quelle: spd-buer-mitte-3.de)

Bild 4 (Quelle: t-online.de)

 

 

 

 

 

 

 

Wohnen diese glücklichen Herrschaften (Bilder 3 u. 4) wirklich im beworbenen Pflegeheim? Oder sind sie gar nicht pflegebedürftig? Der SPD ist das wohl ziemlich egal. Die süßen Kinder auf dem Fotos sind sicher keine Mitglieder der jeweilgen Karate-Schule, auf deren Webseite sie abgebildet sind. Es handelt sich meist um Agenturfotos, die zahlenden Kunden überlassen werden. D.h. diese Karate-Kinder finden sich auf dutzenden anderer Webseiten wieder, wie eine Google-Bldersuche zeigt (Bilder 5 u. 6):

Bild 5 (Quelle: karateschule-strausberg.de)

Bild 6 (Quelle: selbstverteidigung-trier.de)

 

 

 

 

 

 

 

Wieso also sollen uns diese Senioren und Kinder – die offensichtlich nicht wirklich viel und lange Karate betrieben haben – die einem Budo-Training zugeschriebenen Werte von Dauerhaftigkeit, Erleuchtung und Resilienz vermitteln, wenn es sich doch nur um Nachstellungen handelt? Handelt es sich einfach nur wieder um Kommerzialisierung nach den bösen amerikanischen Verhältnissen? Niemand wird abstreiten, daß Lebensmittel, Autofahren, Netflix und Amazon das Leben erleichtern und Zeugnisse unseres Wohlstandes sind. Dennoch ist die Notwendigkeit von Geld für den Erwerb dieser Dinge eher kein Gegenstand der Kommerz-Kritik. Warum sollte also ein Karate-Training nichts kosten, wenn selbst Wasser bezahlt werden muss? Oder ist es die Art und Weise der Präsentation, also die Verkaufsästhetik, die den Stein des Anstoßes bildet? Schmückt sich da jemand mit „fremden Federn“?

Ich sehe darin die Sedimente eines säkularen Mythos, der einer welterklärenden Funktion der Religiosität gleichkommt – was aber ebenso wie eine Kommerzialisierung nicht das eigentliche Problem ist. (Auch wenn ich durch mein Studium der Religionswissenschaft immer wieder religionsanaloge Formationen ausmache und damit „Wahrheiten“ dekonstruiere. Sorry, das ist quasi ein Reflex.) Das Hinterfragen von Gegebenem ist m.E. das Werkzeug des Budoka schlechthin, da ansonsten keine Verbesserung entstehen kann. Es ist eine gewisse Authentizität, die ich in den neuen Ästhetiken vermisse, denn Budo-Training greift in die Lebenswelt ein, verändert die Bewegungsverhältnisse bis hin zur Persönlichkeit. Soetwas sollte doch angemessen dargestelt werden, nicht?

Hat sich Karate denn zuvor anders dargestellt? Das hat es, und zwar in Form eines gewissen Habitus. Dabei nahm man entweder eine mit Japan assoziierte Sitzhaltung ein oder wurde „in Aktion“ fotografiert. (Letzteres würde man heute negativ konnotiert als „Posing“ bezeichnen.) Auch wenn es sich dabei meistens ebenfalls um (nach)gestellte Bilder handelte, sind die technischen Fertigkeiten der Akteure deutlich höher als die jener Senioren oder Kinder:

Bild 7 (Quelle: zanshin-do-hannover-karate.de)

Bild 8 (Quelle: schlatt-books.de)

Bild 9 (Quelle: karate-in-freiberg.de)

Bild 10 (Quelle: n-land.de)

Bild 11 (Quelle: noz.de)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Mein Ziel ist es allerdings nicht, eine vermeintlich bessere Vergangenheit zu betrauern. Eine Frage, die ich mir stelle, ist die, ob mich geriatrisches Turnen in weißen Anzügen oder strahlende Kindergesichter dazu bewegen könnten, als Laie ein Karate-Training aufzunehmen. Zumal ich mittlerweile weder ein Kind bin (und meine Mutter nicht darüber entschieden darf ob ich Karate mache oder nicht), noch zähle ich mich zu den Senioren (auch wenn man das seitens des Gesundheitssports sicher gerne anders hätte). Es waren jene Darstellungen des Habitus eines „Meisters“, die mich seinerzeit motiviert haben, einen ähnlichen Weg einzuschlagen. Ist diese Ästhetik deswegen die bessere? Nein, sie ist nur anders. Sie gefällt mir persönlich besser. Aber das ist nicht der springende Punkt.

Daß dieser Habitus bis heute eine treibende Kraft ist, die Anfängerkurse füllt, belegen die Anekdoten und die konstruierte Geschichte der Kampfkunst (Bodhidharma, Shaolin, unbewaffente Bauern auf Okinawa und Co.), die sich auch weiterhin auf den Webseiten zahlreicher Karate-Schulen finden – egal wie sehr diese auch kommerzialisiert sein mögen: Die Welt erklärt sich über affektiv-emotional basierte Zuschreibungen, und dazu gehören Bilder glücklicher Großmütter und Kinder ebenso wie die Poser von damals. Man greift auf diese Mechanismen heute genauso zurück wie wir es damals taten. Dem kann sich niemand wirklich entziehen. Das gleiche gilt für das Selbst-Marketing im Fahrwasser der Social Media.

Worauf ich hinaus will? Ich will eine Lanze brechen für das, was Karate meiner Meinung und Erfahrung nach ausmacht: Hingabe, die Erfahrung des „Selbst“ (auch ein Sediment säkularer Religion) durch die Arbeit mit dem eigenen Körper, in Verbindung mit kulturell gesetzten Traditionen. Die Poser und Meister hatten einiges von jenem Selbst erfahren und Traditionen gewahrt Auch wenn Traditionen i.d.R. Konstrukte der Gegenwart sind – und damit ebenso Sedimente einer verborgenen Religiosität – liefern Sie aufgrund ihrer kulturellen Konnotation tendenziell eine bessere Möglichkeit zur Kommunikation dessen, was hinsichtlich Glück und Zufriedenheit durch Training vermittelt werden soll. Nun weiß ich ja durch jahrelange Internetforen- und Facebookgruppen-Exposition ganz genau, daß alle Recht haben und lieb sind. Und daß deswegen Großmütterchens drei Monate währende Karate-Karriere genauso wertvoll sein muss, wie die eines Meisters. Kinder sind ohnehin über jeden Zweifel erhaben (*/Ironie off).

Leute, das ganze ist auch eine Frage, die diejenigen beschäftigt, die sich außerhalb von Marketing, Verbandspolitik und oberflächlicher emotionaler Manipulation Gedanken darum machen, wie sich Budo innerhalb einer eher leibfeindlichen und sexistischen Gesellschaft vermitteln lässt. (Und die japanische Gesellschaft bildet da keine Ausnahme.) Sind Großmütter und Kinder wirklich die richtigen Vehikel, um dieses Problem anzugehen?

Diese Frage zu beantworten überlasse ich dem geneigten Leser (und der geneigten Leserin), den Dicken wie den Dünnen, den Alten wie auch den Jungen.

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