Henning Wittwer: „Kime“

Stets wichtig zu wiederholen: Kime hat nichts mit „Anspannen“, „Einrasten“ oder „Konzentration von [irgendeiner Energie] auf einen Punkt“ zu tun.

(Muskel-) Kraft hat in keiner Technik des Budō etwas zu suchen. Auch das darauf abzielende athletische Training nicht. Heutige Karate-Akteure wären wohl z.g.T. vom Training der Koryū enttäuscht, da zu „schlaff“, kein „Kime“ usw.

Aber wie bspw. Hino Akira schreibt, wird man kein Tier finden, das seine Bewegungen durch das Bewegen von Gewichten trainiert hat. Kuroda Tetsuzan sage in einem kürzlich auf Englisch veröffentlichten Interview sinngemnäß, daß ein Training auf der Basis von Kraft und Ausdauer dem Verständnis der Bewegungsqualität des Bujutsu im Wege stünde: „It is a question of level.“

Kime.

Das Wort „Kime“ beinhaltet in keiner Weise eine Aussage über die Art und Weise, eine Technik auszuführen (kurzes oder langes Anspannen usw.). G. Funakoshi (1886–1957) verwendete für den Begriff „Kime“ das Kanji 極, das ursprünglich den Firstbalken eines Hauses meinte. Später wurde es im Sinne von „Pol“ verstanden und ist eine Metapher für etwas, das sich am äußersten Ende befindet, auf die Spitze getrieben wurde. Davon abgeleitet ist seine Bedeutung im Karate, dass ich meine Technik bis zum Ende führe, meinen Gegner „beende“ oder den Kampf beende, bzw. entscheide.

Hier drei Beispiele für „Kime“:

(1) Ich versetze meinem Gegner mit meiner Faust oder meinem Fuß einen Schlag, der ihn „ins Jenseits“ befördert oder zumindest für den Augenblick ausschaltet. Da der Kampf nun beendet/entschieden ist, hatte meine Technik „Kime“.

(2) Im Shōtōkan-Ryū werden einige z. T. äußerst brutale Würfe gelehrt. Wenn es mir nun gelingt, meinen Gegner mit einem dieser Würfe so zu Boden zu schmettern, dass er nicht mehr aufstehen kann, ist der Kampf beendet, Kime.

(3) Ich nagle meinen Angreifer mit einem Ellbogenhebel, wie er in der Kata Enpi oder Kankū vorkommt, am Boden fest – Kime.

Im Karate wurde „Kime“ also als Metapher gebraucht, so wie wir vielleicht sagen: „Mach‘ ihn fertig!“ oder: „Jemanden um die Ecke bringen“. In beiden Fällen wird nur das Ergebnis angedeutet, nicht aber, auf welche Weise ich zu diesem Ergebnis gelange.

Es ist aber genau diese Art und Weise, wie ich eine Technik jenseits der äußeren Form ausführe, die den Hauptinhalt im Karate ausmacht. Ein Tsuki ist von der äußeren Form her eine Faust, die ich von meinem Körper aus mehr oder weniger geradlinig nach vorne befördere. Das versteht jeder. Wie ich nun aber meine Muskeln gebrauche oder nicht gebrauche, um mit dieser Bewegung eine beendende/entscheidende Wirkung am Gegner hervorzurufen, ist die wirklich schwierige Frage.

Im JKA-Shōtōkan wird von Experten, wie M. Nakayama (1913–1987) und seinem Schüler H. Nishiyama (1928–2008), beispielsweise gelehrt, im Moment des Einschlags möglichst alle Muskeln für eine gewisse Zeit anzuspannen. Aber längst nicht alle Shōtōkan-Lehrer, sowohl aus den Reihen der JKA, als auch aus anderen Richtungen, stimmen mit dieser Art und Weise der Ausführung überein. T. Asai (1935–2006) hatte völlig andere Vorstellungen; H. Kanazawa (geb. 1931) meint, er habe so etwas wie ein „Doppel-Kime“ innerhalb einer einzigen Technik ausgebildet; T. Kases (1929–2004) Konzept lässt sich ebenfalls nicht mit den Genannten vergleichen.

Folglich hängt das Konzept hinter einer Technik, das mit „Kime“ umschrieben wird, stark vom jeweiligen Lehrer ab. Es stimmt vollkommen, dass ich lange Zeit mit einem Lehrer zusammen üben muss um dessen Konzept wirklich zu verstehen.

Dennoch stellt uns unsere eigene Voreingenommenheit immer Mal ein Bein. Missverständnisse sind also vorprogrammiert; auch bei den japanischen Lehrkräften, die uns unterrichten. Ich vertrete nicht die Auffassung, dass das „Kime“ von M. Nakayama, das von G. Funakoshi ist!

Die Eingangsfrage muss also anders gestellt werden: Ist das JKA-Kime-Konzept für einen JKA-Anhänger sinnvoll? Es ist schlichtweg falsch zu behaupten, diese Art sei in allen Shōtōkan-Ausprägungen gleich. Ein JKA-Karateka würde sich über mein „Shōtōkan“ schlapp lachen …

© Henning Wittwer (www.gibukai.de)

Quelle: Facebook

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