Es ist wie immer…

In der letzten Zeit lese ich immer öfter von Kyusho-Jitsu-Seminaren. Das ist nicht verwunderlich, denn der Trend hat seinen Zenit erreicht und damit auch die Sättigung des Marktes. Das Wissen der „alten Meister“ ist gemäß unseres neoliberal geformten Anspruches jetzt überall verfügbar. Dagegen spricht zunächst einmal nichts. Die Kollegen, die auf diesen Zug aufgesprungen sind, haben die Realität der Kampfkünste nach dem aktuellen Bedarf neu konstruiert. So wie andere – z.B. ich – die Realität ihrer Kampfkunst an anderen Ideen und Inhalten entlang konstruiert haben. Und jeder hat für sich genommen damit wohl auch Erfolg. Problematisch sind weniger die „Anbieter“ als die „Konsumenten“: Sie reißen die Mauern zwischen den Realitäten ein, gefährden den Bestand anderer Inhalte und beanspruchen die Aura von Tradition und Authentizität für sich.

Was geschieht denn eigentlich beim „Kyusho-Jitsu“, ohne das heute niemand mehr auszukommen scheint? Es ist einfach: Neben der Materialität von Akupunkturpuppen, Schriftzeichen und schwarzen Anzügen werden Menschen geschlagen, Körper zu Boden gebracht, Gelenke verdreht und Lockerheit in den Schlagtechniken unterrichtet. Das alles mal in guter und mal in schlechterer (technischer) Qualität. Also im Grunde (äußere) Marker guter Kampfkunst.

Gerade für Schläge auf sog. „Vitalpunkte“ finden sich bereitwillig Probanden. Sie lassen sich sozusagen ohne Gegenwehr schlagen; auf Gelenke, auf Muskelansätze, auf Knochenhäute, ins Gesicht. Youtube ist voll von solchen Demonstrationen, die an evangelikale Erweckungserlebnisse erinnern. Was geschähe aber, fände das alles ohne das Label „Kyusho-Jitsu“ statt? Man erinnere sich an die Anfänge des eigenen Karate-Trainings, als die Faust versehentlich das Kinn des Trainingspartners streifte. Was folgte, waren teils Bestrafungen in Form von Liegestützen. Teils musste man – trotz mehrfacher Entschuldigung – eine wahre Predigt erdulden, die von Kontrolle und Respekt, vor allem aber von der Gefährlichkeit der Karate-Technik kündete. Gleichzeitig erlebe ich immer wieder, daß lockeres Zuschlagen im Karate (also nicht „Kyusho-Jitsu“) abgewertet wird, da man ja „kein Kime“ hätte. Dabei haben – in technischer Hinsicht – MMA-Kämpfer jenes „Kime“ auch nicht. Aber einen Lowkick wollen die Kumite-Jungs nun doch nicht fangen. Es entspräche ja nicht dem Geist des Karate, da dies zu brutal wäre.

Daraus ist zu folgern: Treffen im Gesicht ist mal gut und mal verpönt. Mal ist Lockerheit eine essenzielle Qualität guter Technik, und mal gilt sie als kraftlos. Mal ist hart zuzuschlagen in Ordnung, dann ist es wieder brutal. Mal ist es „Kyusho-Jitsu“, mal das Sportkarate, das das Wissen (und vor allem die Weisheit) der „alten Meister“ für sich beanspruchen darf. Wirken hier wirklich nur die schwarzen Anzüge und die erfundenen Traditionen? Ich bin gespannt, was als nächstes kommt.

Heute abend ist Training. Aber dabei muss man sich bewegen. Auch das wollte man früher vermeiden.

Es hat sich im Grunde nichts geändert!