„Dies ist keine Dehnübung!“ – Vergiss Stretching!

(English version)

Ein Grundsatz des Karate, den ich unter den Ideen Funakoshi Gichins als durchaus nützlich für mein Training einstufe, ist dieser:

力の強弱、体の伸縮、技の緩急を忘るな。(chikara no kyōjaku, karada no shinshuku, waza no kankyū o wasuru na)

Die korrekte Übersetzung dafür lautet: „Vergiss nie das Stark und Schwach in der Kraft, das Ausdehnen und Zusammenziehen des Körpers, das Schnell und Langsam [in] der Technik!“ (eigene Übersetzung).

Der Bezug meines Lehrers Sugimori Kichinosuke auf diese Maxime ließ mich früh dazu übergehen, vor allem die Ausdehnung des Körpers in der Technik zu suchen, um entspannter und schneller zu werden. Damit war weniger gemeint, Techniken mit einem großen Radius oder einer goßen Ampiltude auszuführen oder Schnellkraft zu trainieren, sondern ein entsprechendes Gefühl der Länge und des Raumes innerhalb des Körpers zu generieren. Hino Akira bezeichnet dies als „gan kyō bappai“ (Hino 2017: 30).

Daraus resultierte eine grundlegende Veränderung des vorbereitentden Trainings und der Körperarbeit für die Gliedmaßen: Um Muskeln in Ruhe zu „verlängern“, d.h. ihre Fähigkeit, entspannt nachzugeben und so entlang der myofaszialen Ketten zu arbeiten, zu erhöhen, habe ich mit den herkömmlichen, passiven Dehnübungen („Stretching“) aufgehört, um mich ausschließlich auf ein Ausdehnen des Körpers zu fokussieren. Sich auszudehnen erzeugt zwar die selbe Sensation im Körper, da auch eine Dehnung des Muskelngewebes auftritt, es unterscheidet sich dabei jedoch grundlegend vom „Stretching“: Das Ausdehnen ist dem morgendlichen Räklen und Sich-Strecken (engl. „pandiculation“) gleich:

Stretching is passive
Stretching is passive, you are not actively using the muscle, you are merely pulling on it, there is no brain involvement.

Pandiculation is active
During a Pandiculation you are actively using the muscle, your brain is involved in the process.

The Somatic Movement (2015).

Im Ergebnis habe ich nicht mehr gegen den Dehnreflex anarbeiten müssen und konnte in der Ausdehnung noch feine, fortgesetzte Bewegungen mit den betreffenden Gliedmaßen ausführen. Meine Fähigkeit zu entspannen und mich zusammenhängend zu bewegen, wuchs schlagartig an. Die von einer populären Meinung getragene Auffassung, ohne Dehnungstraining würden die Muskeln verkürzen und damit die Fähigkeit zu hohen Tritten verloren gehen, bewahrheitete sich dagegen nie. Es war sogar so, daß ich plötzlich spreizende Übungen besser ausführen konnte. Zwar konnte ich dadurch kaum höher treten, was sich allerdings durch Stretching zuvor ebensowenig eingestellt hatte. Mittlerweile verzichte ich auf hohe Tritte, da die Fähigkeit zu diesen eine entsprechende Form der Hüftgelenke voraussetzt (TMF 2014), über die ich nicht verfüge – wie die meisten Karateka. Meine Ausflüge ins Shōrin- und andere Ryūha gaben mir Recht. Leider stellen sich für viele andere diese Tatsachen oftmals dann heraus, wenn es zu spät ist.

Stretching can be painful
Passive stretching is generally uncomfortable and can even be painful especially if Sensory Motor Amnesia (SMA) is present.

Pandiculation feels good
Pandiculation performed correctly feels very pleasurable and relaxing. It has the feeling of a yawn.

The Somatic Movement (2015).

Diese Form des Ausdehnens wurde nicht nur eine Grundlage meiner Körperarbeit sondern auch der Gesten und Techniken des Budō, die ich bis heute trainiere: Die Bewegungen durch den Raum im Kontext der Kata, die Bewegungen am Partner (meotode), die Führung des Schwertes zwischen furikaburi und kirioroshi… Alle diese Techniken bekamen dadurch die angenehme Eigenschaft, die Kraft an den richtigen Stellen zu generieren und gleichzeitig den Körper durch die Sache selbst geschmeidig zu halten. Die herkömmlichen Dehnübungen könnte man natürlich auf die gleiche Weise ausführen. Jedoch liefe man Gefahr, ohne jeden Nutzen weiterhin statische Positionen in sein Training zu integrieren. Also: Let that shit go!

Stretching provides no new sensory information to the brain
Because the brain is not involved in a passive stretch there is no new sensory information for the brain. Therefore no new learning takes place. This may be the most important difference between stretching and pandiculation

Pandiculation provides lots of new sensory information for brain
Because the brain is very much involved in the process of Pandiculation there is a large amount of new sensory information for the brain. Therefore new learning takes place.

The Somatic Movement (2015).

Später befasste ich mich mit der Feldenkrais- und wieder später mit der Hino-Methode. Ich stellte überrascht fest, daß beide Methoden Bewegung als Grundlage nicht nur von Kraft, sondern als Grundlage menschlichen Handelns sehen. Funakoshis Maxime erwies sich als wohl durchdacht. Wichtiger war dabei noch, daß die für die Eigenart, Training als belastend, anstrengend und erniedrigend zu empfinden, keinerlei Grundlage exisiert – außer einem Anspruch gleich dem preußischen Arbeitsethos. Wie könnte Training in neoliberalen Gesellschaften auch Spaß machen? Also wurde um mich herum weiterhin für den Einsatz in den Schützengräben des dritten Weltkriegs geprobt und der Hass auf den eigenen Körper zelebriert. In dem Dōjō, in dem ich nach meiner Rückkehr aus Japan mehrere Jahre unterrichtet habe, wurde das geflügelte Wort „dies ist keine Dehungübung, es ist eine Bewegung“ gerne als Märchen (!) abgetan. Man hielt lieber an den inhaltlich obsoleten Inhalten der Trainer-Ausbildungen fest. Im Ergebnis wird in jenem Dōjō heute noch Bauch-Beine-Po trainiert. Paradigmen sind eben nur sehr schwer zu Fall zu bringen.

Temporary change in length
Passive stretching confers only a temporary change in length, if any, as the muscles reflexively recontract in response to the stretch.

Long term change in length
Pandiculation confers more permanent changes in muscle length as you brain LEARNS a new longer resting length for your muscles. Please note the changes in muscle length that are achieved through pandiculation are as a result of the reduced level of tension in the muscle. They are not as a result of tissue remodelling.

The Somatic Movement (2015).

So über und mit dem Körper zu denken, bleibt nicht ohne gewisse „Nebenwirkungen“: Es fühlt sich gut an! Die Schmerzen, die Selbstkasteiung fallen mitunter weg. Und man sieht sich plötzlich in der Lage, gewisse Bewegungen ausführen zu können. Kein Grund mehr, sich durch einen vermeintlich asiatischen (und damit wohl tugendbehafteten?) Habitus des Trainers (der meist noch nie in Japan war) vom selbständigen Denken zu verabschieden. Durch Leistungssport genetisch selektierte Spezialisten können keine Vorgabe für die Mehrheit der Bevölkerung sein, die in Körper, Alter und Geschlecht diversifiziert ist.

Es war noch nie so an der Zeit, mit dem Selbsthass, dem falschem Körperkult und vor allem der Ignoranz ggü. dem menschlichen Körper aufzuhören, wie in diesem Moment.


Quellen:

Hino Akira (2017). Don’t think, Listen to the Body – Introduction to the Hino Method and Theory of Human Body and Movement Control. Eigenverlegung.

TMF (2014). The Best Kept Secret: Why People HAVE to Squat Differently.

The Somatic Movement (2015). Stretching Vs. Pandiculation – What’s the difference and why does it matter?.

Picture found here on Dianne Bondy’s Instagram feed.

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