Die Entstehung des ‚Shushukan-Budo‘

Ein Prozess, der bis heute ca. fünf Jahre gedauert haben dürfte, ist nunmehr abgeschlossen. Und das bedeutet: Ich gebe die Kategorie, das Label, die Bezeichnung „Karate“ auf.

Nein, ich werde nicht mit Karate aufhören. Ich werde auch weiterhin Kata trainieren und unterrichten. Ich werde weiterhin Mae-Geri und Co. üben und zu meinem machen. Naihanchi wird unsere Basis-Kata bleiben. Inhaltlich bleibt sozusagen alles wie es ist. Das Training im Shushukan wird im wöchentlichen Plan immer noch „Karate“ heißen. Nur daß ich mich selbst nicht mehr unter dieser Bezeichnung verorten werde.

An einer anderen Stelle habe ich vor kurzem geschrieben, Karate entstünde aus der Praxis. D.h. daß Karate zum einen eine individuelle Angelegenheit ist. Zum anderen wird es aber auch als Kategorie ausgehandelt, da es verschiedenen Einflussfaktoren unterworfen ist. Neben der Tradition („echter“ und „falscher“), dem Sport und der Politik kommen z.B. die Medien oder das Internet ins Spiel. Die meisten Karateka dürften durch Spielfilme, Forenbeiträge u.ä. in ihrem Karate präokkupiert sein. Das ist zunächst weder gut noch schlecht; es ist soziale Realität.

Diese bestimmt mit, wie Karate ist, wie es kommuniziert wird, und wie es schließlich formalisiert und institutionalisiert wird. Das bedeutet, daß es einen Konsens gibt, was Karate ist, was es zu sein hat und was es keinesfalls sein darf. Hier kommt auch die sog. „offizielle Anerkennung“ zum Tragen. Aber auch die Standards, die der Sport bzw. die Athleten und ihr organisierendes Element (AKA Verband) setzen. Die Praxis orientiert sich daran. Was ist aber mit einer Karate-Praxis, die sich nicht daran orientiert? Deren soziale Realität sieht natürlich anders aus. So wie die meine und die meiner Weggefährten.

Aber der Verband und die flache Perzeption von Karate — medial wie institutionell — sind nicht der Grund für mein Aufgeben des Labels „Karate“. Der Grund besteht in meiner Praxis, meiner Ausbildung in Japan und meiner Erfahrung in den vergangenen Jahren hier. Ich habe u.a. immer wieder betont, daß der Umgang mit einer Waffe — wenigstens dem Schwert — unabdingbar ist für ein umfassendes Verständnis von Karate, seinen Bewegungen und seinen Prinzipien. Die war der synergistische Effekt meiner Zeit im Shūshūkan und im Kenshinkan. Der Umgang mit weiteren Budo-Waffen, wie Bo, Sai, Nunchaku — wie ich sie von Kazumasa Yokoyama zu lernen die Freude habe —, aber auch Shuriken und Jo haben mein Karate bereichert. Durch das Judo von Frank Thiele habe ich prinzipienorientiertes Arbeiten lernen können. Und diese Einflüsse haben mich zu der Einsicht geführt, daß alles Training, alle Stile und Institutionen eins sind. Nicht in einem spirituellen sondern in einem ganz pragmatischen Sinn. Ein Schwert zu benutzen ist für mich ebenso Karate wie einen Bo zu verwenden oder Bassai-Dai zu üben. Selbst Körperarbeit in Form von Yoga, Kettlebell-Training oder Tanzimprovisation sind für mich Karate, da sie alle das selbe bewirken: die Arbeit mit dem Körper. Hier ist ein gewisser Reduktionismus sinnvoll. Diesen Reduktionismus habe ich bei Hino Akira und Leo Tamaki vorgefunden.

Anstatt jedoch einen kleinsten gemeinsamen Nenner zu finden — und ein solcher reduziert Karate lediglich auf Mindestanforderungen anstelle von Prinzipien — sehe ich künftig davon ab, meine Auffassung von Karate in die selbe Kategorie werfen zu lassen, denn einer Kategorie anzugehören verhindert, sich gleichzeitig frei in anderen Kategorien zu bewegen. Gehe ich als Karateka bspw. zum Aikido-Training, werde ich dort immer „der Karateka, der Aikidō macht“ sein, bis ich formell jenem Dojo bzw. Verband beitrete. Diese Formalität empfinde ich mittlerweile als hinderlich. Wie nützlich ist es denn z.B., nach einer Karate-Stunde seinen weißen Dogi und den schwarzen Gürtel gegen einen schwarzen Dogi mit gelbem Gürtel einzutauschen, nur weil jetzt die Kobudo-Stunde losgeht? Und das tun erwachsene und hoch qualifizierte Menschen.

Meine Absicht ist mittelfristig die — neben den bisher angesetzten Projekten —, gezielt Themen anzubieten, die Angehörige aller Kampfkünste ansprechen. Ebenso werde ich auf den Masterclass-Seminaren mit Waffen (vorwiegend Stock und Schwert) arbeiten. Karate als „leere Hand“ bedeutet ja gerade, daß alle Möglichkeiten offen stehen — also auch die leeren Hände zu füllen. Die gegenwärtige Rezeption des Karate arbeitet trotz — oder gerade wegen — aller zusätzlichen Angebote in die entgegen gesetzte Richtung. Damit habe ich inhaltlich nichts zu tun. Also benötige ich die formelle Identifikation damit ebenso wenig. Das Stichwort, unter dem ich künftig zu arbeiten gedenke, lautet:

Shushukan Budo