Der Stuhl unter dem Allerwertesten (Teil 1)

Ein kürzlich geführtes Gespräch unter Freunden, ein Beitrag in einem sozialen Netzwerk, oder eine dieser immer wiederkehrenden Fragen in entsprechenden Internet-Foren: Immer wieder tauchen die selben Kategorien oder Sedimente auf, die ein Hindernis für ein gutes Karate darstellen.

Was für Sedimente lagern sich da ab? Es sind konkrete Begriffe und Illustrationen, die für mehr Unklarheit sorgen, als daß sie helfen, das Wissen über Karate zu strukturieren und somit begreifbar zu machen. Dazu gehören u.a.:

  • Bunkai, Anwendung und Selbstverteidigung
  • Omote und Ura
  • Shuhari
  • Shoden, Chūden und Okuden
  • die Wahrnehmung von Kata als „festgelegte Form“
  • Kata als „Kampf“ usw.

Die Aufzählung ist beispielhaft und nicht vollständig. Diese Beispiele sind die, die mir am häufigsten begegnen.

Was ist das Problem mit diesen Begriffen? Das Problem liegt nicht in den Begriffen selbst, daß sie japanisch wären oder „wir hier in Deutschand sind“ (sic!), sondern an den im deutschen (und z.T. auch im englischen) Sprachraum persistierenden Übersetzungen und Kontextualisierungen – beginnend mit dem Begriff „Bunkai“ als synonym für die „Anwendung“ einer Kata bzw. den Techniken, aus denen eine Kata als „festgelegte Form“ zusammengesetzt sein soll, in der Selbstverteidigung. Wenn es um den Sinn von Kata-Training in den japanischen Kampfkünsten allgemein (und im Karate speziell) geht, wird der Nutzen dieser Abläufe für die Selbstverteidigung als höchstes Ziel hervorgehoben. Damit soll auch argumentiert werden, daß Kata kein bloßer „Tanz“ ist. (Zu letzterem ist zu sagen, daß diese Kritik an Kata einem mangelnden Verständnis der Komplexität des Tanzes entspringen dürfte.)

Selbstverteidigung

Hinsichtlich Bunkai und/ als Selbstverteidigung gibt es bereits einen Konflikt hinsichtlich der Einordnung der Begriffe in die Geschichte und in einen regionalen Kontext. „Selbstverteidigung“ ist ein deutsches Konstrukt. In Deutschland herrschen erhebliche Beschränkungen des Erwerbs, des Besitzes und des Führens von Waffen. Daher ist dieser Begriff vor allem im Zusammenhang mit SV-Kursen stets auf die waffenose Selbstverteidigung zu beziehen, die fast immer durch (i.d.R. asiatische oder asiatisch inspirierte) Kampfsportarten/ Kampfkünste gewährleistet wird. Manche sprechen auch von einer japanischen Form der Selbstverteidigung u.ä. Diese Kampfsportarten scheinen geradezu prädestiniert für die (deutsche) Selbstverteidigung im Sinne des Notwehrrechts zu sein, da sie ja per sé waffenlos sind. Jedoch handelt es sich bei diesen schon längst nicht mehr um die Kriegskünste der Samurai oder um die vermeintliche Super-Kampfkunst unterdrückter Mönche und Bauern aus frühen Zeiten. Es handelt sich bei Jūdō, Karate, Jūjutsu usw. vorrangig um Formen eines Sports. Wenn also ein mehrfacher Landesmeister im Jūdō oder ein ehemaliger Polizeibeamter einen SV-Kurs gibt, dürfte das kaum etwas mit den Kampfkünsten irgendwelcher Samurai zu tun haben, sondern mehr mit dem Sportsgedanken des ausgehenden 19. und des frühen 20. Jhdts. Das heißt nicht, daß diese SV-Kurse schlecht sein müssen. Es bedeutet zunächst, daß etwas, das als japanische Kampfkunst (Budō) angesehen und mit einer Tradition assoziiert wird, nicht unbedingt in einem Kurs in waffenloser Selbstverteidigung zum Einsatz kommt. Und das gilt ganz besonders für die Kata im Sinne einer Form.

Bunkai und Bunkai-Kumite

Der Konflikt, den die Verwendung des Begriffes „Bunkai“ nach sich zieht, besteht darin, was „Bunkai“ bedeutet nämlich „Zerlegung“ oder „Demontage“. Keinesfalls bedeutet es, eine Kata zu interpretieren hinsichtlich möglicher Anwendungen in einem „Kampf“. Es bedeutet, daß eine Kata in Abschnitte aufgeteilt wird. Diese Abschnitte werden dann für sich genommen immer wieder geübt, bevor die Kata als Ganzes ausgeführt wird. Am Beispiel der Naihanchi bedeutet das:

(Quelle: https://i1.wp.com/www.karateobsession.com.)

Wird zu diesem einen Abschnitt nun ein festgelegter Angriff hinzugefügt, der zu der Technik oder den Techniken jenes Abschnittes passt, nennt man das auch „Bunkai-Kumite“. (Diese und weitere im Verlauf dieses Artikels verwendeten Bezeichnungen findet man bei Ushiro Kenji und anderen Autoren. Bei Ushiro 2003 werden die Begriffe noch weiter differenziert, was aber für den vorliegenden Artikel vernachlässigt werden kann.) Der Akteur erhält durch den Trainingspartner ein Feedback, ob die Technik hinsichtlich ihrer Funktion korrekt ausgeführt wird, also gegen diesen beispielhaften Angriff wirksam ist. Dabei handelt es sich noch lange nicht um einen „Kampf“ oder gar eine Selbstverteidigungstechnik. Der Begriff des Kumite bezeichnet keine kämpferische Auseinandersetzung sondern ein abgesprochenes Szenario, das eher eine Kata ist (vgl. dazu Yamamoto 2017: 18 f.). Das bedeutet, daß Bunkai und Bunkai-Kumite der Verbesserung von Bewegungen dienen, und zwar den Bewegungen, aus denen sich die Kata zusammensetzt. Bis hierhin also kein Kampf und keine Selbstverteidigung. Bunkai-Kumite bildet darüber hinaus innerhalb der JKF Gōjūkai eine eigene Wettkampfdisziplin, vergleichbar dem Formenwettkampf.

Henka und Ōyō

Im Zuge eines Bunkai-Kumite wird man schnell feststellen, daß die Vorgabe der Kata eher wenger praktikabel ist, was variierende Angriffe, Distanzen und Winkel angeht. Dieser eine Abschnitt passt vielleicht zu genau jenem einen Angriff. Bei einem anderen Angriff würde das Bunkai-Kumite nicht mehr funktionieren, jedenfalls nicht, ohne die Bewegung der Kata, die Distanzen oder die Winkel zu verändern. Das ist der Moment, indem man vom „Henka-Kumite“ spricht. „Henka“ bedeutet dabei „Veränderung, Variation“. Das bedeutet, eine Anpassung der Bewegungen, die man dem Kata-Abschnitt entnimmt, entsprechend dem veränderten Angriff oder der veränderten Distanz usw. vorzunehmen. Es kann aber auch bedeuten, die Bewegung dem eigenen Körper anzupassen. Zum Beispiel ist es nicht jedermann möglich, im Übersetzen des Fußes zu Beginn der Naihanchi die Beine eng zu kreuzen und kleine Schritte zu machen, was an der Beinlänge oder der Beschaffenheit der Hüften liegen kann. Vermutlich deshalb finden wir Varianten der Naihanchi, in denen dieser Übersetzschritt groß ausgeführt wird. Daß sich nicht nur eine,  sondern ‚zig Versionen der Naihanchi im Internet finden lassen, ist m.E. ein Indiz für Henka und dessen Rückwirkung auf die Ausfürung der Bewegungen einer Kata. Weiterhin wird eine alte Schulterverletzung oder schlichtweg der Größenunterschied zum Partner eine Anpassung erforderlich machen. Die Beschaffenheit des Bodens oder das Wetter mögen Henka notwendig machen. Henka ist damit zwar bereits weniger auf die Kata als Form bezogen, orientiert sich aber immer noch an der Vorgabe der ausgewählten Bewegung. D.h. hier findet ebenfalls noch keine Selbstverteidigung, kein „Kampf“ statt, sondern eine Optimierung und eine Diversifizierung der Bewegungen hinsichtlich der Umstände, unter denen die Bewegung geübt wird. Hier entstehen vornehmlich Varianten.

Während Bunkai und Henka sich an den Vorgaben der Kata orientieren, ist die Anwendung einer Bewegungsfolge (i.e. eine Technik), die aus diesen Vorgaben entstehen können, nicht mehr an die Kata gebunden. Sie können auch in verschiedenen Kata identifiziert oder auf einfache Waffen (z.B. Stockwaffen) übertragen werden. Hier erst sprechen wir von „Anwendung“ oder „Ōyō“ der Kata, die sich ggf. in einem Selbstverteidigungsszenario verwenden liesse.

Kata als „Kampf“?

Allerdings würde ich bei Ōyō immer noch nicht von „Kampf“ oder Selbstverteidigung sprechen, denn es geht vor allem um ein implizites Verständnis von Bewegungsmustern. Und ein Training, das auf ein solches Verständnis abzielt, hat zunächst einen anderen Schwerpunkt, als einen echten, „realistischen“ Kampf zu emulieren. (Zur Konstruktion Realitätsbegriff in den Kampfkünsten empfehle ich den Artikel von Paul Bowman 2014.) Oder um es mit Dave Lowry auszudrücken:

Not all martial arts, as we have noted,
are directly applicable as fighting arts.

(Lowry 2009: 76.)

Unabhängig davon, ob Bunkai, Henka oder Ōyō: Kata-Training hat vorrangig eine Optimierung von Bewegungskomplexen zum Ziel. Diese Optimierung betrifft die Bewegung in ihrem Verlauf, ihrer Struktur, dem Einbezug der eigenen körperlichen Voraussetzungen und einer Varianz an Angriffen. Eine Kata als „festgelegte Form“ ist damit ein Container an Potenzialen, die durch diese Trias entfaltet werden können. Diese Potenziale sind für die Selbstverteidigung oder einen Kampf nützlich. Mehr leistet eine Kata ersteinmal nicht. Deshalb kann eine Kata in erster Linie kein „Kampf“, Bunkai keine Selbstverteidigung sein.

Dabei sind diese drei Begriffe in der Praxis nicht trennscharf: Eine Anpassung im Sinne von Henka kann bereits erfolgen, wenn ein europäischer Akteur mit einer Körpergröße über 1,80 m eine Kata von einem japanischen Lehrer erlernt, der lediglich 1,65 m groß ist. Er kann die Form nicht 1:1 von seinem Lehrer übernehmen, da sich ihre Körpermaße und Längenverhältnisse erheblich unterschieden. Ein anderes Beispiel ist das Aikido, daß zu Beginn ohne Kata auskommt, indem die Grundlagen gleich über Partnerarbeit vermittelt. Eine scharf abgegrenzte Trias wäre hier nicht anwendbar. Die Frage sollte also nicht die sein, bis wohin Kata-Traning Bunkai, und ab wann es Henka ist, oder ab wann wir von der Anwendung im Sinne von Ōyō sprechen dürfen. Vielmehr sollten wir einsehen, daß alle drei fließend ineinander übergehen oder stellenweise sogar parallel erfolgen. Das Selbe gilt für „Shuhari“.

Verabschieden wir uns an dieser Stelle also von mehreren der eingangs aufgeführten Auffassung über Karate und seine Kata. Ziehen wir damit ruhig einigen zementierten Kata-Mythen den Stuhl unter dem Allerwertesten weg:

  1. Bunkai ist nicht die Anwendung der Kata in der Selbstverteidigung oder im Kampf.
  2. Kata ist nicht „Kampf“, führt auch nicht unmittelbar zu diesem, sondern vermittelt Bewegungen in Korrelation mit dahinterstehenden Ideen, die das Ergebnis optimierter Prozesse in der Aneignung impliziten Körperwissens sind.
  3. Der Lernprozess für dieses implizite Wissen um Bewegung und deren mögliche Anwendungen kann durch Bunkai-Henka-Ōyō oder Shuhari illustriert und damit greifbar gemacht werden. Es handelt sich jedoch nicht um trennscharfe Kategorien oder konsekutive Stufen einer Entwicklung. Sie können wiederholt und parallel auftreten.

 

Fortsetzung folgt!

 

Quellen

Lowry, Dave (2009). The Karate Way. Discovering the Spirit of Practice. Boston & London: Shambhala.

Ushiro Kenji (2003). Bujutsu Karate no Gokui. Kata. Sagamihara:  Aiki-News. 39-66.

Yamamoto, Stephan (2017). Kata und „Realität“. Oder warum Kata nicht Kampf ist. in: DDK-Magazin. Ausgabe Nr. 76 (August 2017). 24-25.

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