Anforderungen an die Kata – Kata als Körperarbeit

Was trainiert man eigentlich in der Kata (Form)?

  • Den Kampf gegen mehrere Gegner?
  • Akrobatik?
  • Kraft?
  • Schnelligkeit?
  • Selbstverteidigung?
  • Versenkung (Zen)?

Nichts dergleichen hat sich mir in den vergangenen Jahren bestätigt. Wie sollte dies auch funktionieren? Die Kata waren ursprünglich nicht wirklich anspruchsvoll, was akrobatische Einlagen angeht. Selbst die sog. „Sprünge“ der Heian- und Senteigata sind keine, auch wenn beide Füße in den moderneren Formen den Boden kurz verlassen. Die Disziplin „Bunkai“ ist die jüngste Errungenschaft der Karate-Wettkämpfe.

Gymnastik (Taisō) und Konditionierung (Hojo undō) als institutionalisierte Bestandteile des Trainings übernehmen die spezifische Ausbildung von Kraft und Schnelligkeit viel effektiver. Die herkömmlichen Aufwärmübungen werden (in guten Dōjō) zunehmend ergänzt bzw. ersetzt durch Yoga, Floorplay usw. Kata dagegen sind eher ökonomisch, minimalistisch und auf Entspannung ausgelegt. Deren cineastische Rezeption sowie ihre Wettkampfform legen zwar den Einsatz (und damit das Antrainieren) von Kraft nahe. Dies entspricht jedoch nicht den Konzepten von Kata, wie sie außerhalb des Wettkampfbetriebes unterrichtet werden (oder jenseits des Kinos). Das selbe gilt für die dem Karate nachgesagte „explosive Schnelligkeit“, die eine rein visuelle (und damit unvollständige) Rezeptionen von „Fajin“ oder „Hakei“ sind. Budōka, die auf hohem Niveau arbeiten, bewegen sich jedoch vergleichsweise langsam, zentriert, globaler etc. Ihre Performanz ist gegenüber dem Wettkampfsport eher „langweilig“.

Kata als Choreographie der Selbstverteidigung wurde bereits von den Adepten anderer Formationen ausreichend ad absurdum geführt. Die Abwehr von acht um den Akteur herum positionierten Angreifern, die nach einer entsprechend festgelegten Reihenfolge angreifen, dürfte aus entsprechenden Fechtszenen der Jidaigeki-Filme („Yojimbo“ u.a.) entstammen. Was mit Blankwaffen durchaus möglich sein kann, wäre bei waffenlosen Settings absurd. Selbstverteidigung lässt sich dergestalt nicht fixieren. Bliebe die von Higaki Gennosuke vorgeschlagene Verfahrensweise, die Anwendung von Kata ausschließlich gegen einen von vorne angreifenden Gegner zu verstehen. Diese Ansicht teile ich. Ich verwende sie, um Konzepte der Kata zu entlehnen, die am Partner anwendbar sind, um daraus eine Selbstverteidigung zu entwickeln. Aber warum dann noch Kata trainieren? Andere Budō-Derivate unternehmen diese Zerlegung (Bunkai) nicht. Eine andere Sichtweise, daß jede festgelegte Trainingsform „Kata“ ist, teile ich ebenfalls: Yakusoku-Kumite, Bunkai-Kumite, Uchikomi, Tachi uchi no kurai usw. Könnten wir da nicht auf die formellen Kata verzichten und gleich ins Partnertraining einsteigen?

Die dem Buddhismus zugeschriebene meditative Versenkung, die gemeinhin auch als „Zen“ bezeichnet wird, ist auf einige wenige seiner Architekten zurückzuführen, die einen vermeintlichen Zen-Buddhismus in den USA und Europa des 20. Jhdts. als spirituelle Selbstfindung stilisiert haben. Sie ist daher nicht inhärenter Bestandteil des Budō – zumindest nicht jenseits nationalistisch motivierten Zuschreibungen und Selbst-Orientalismus. Inhärent sind auch nicht die Entlehnungen aus der Chinesischen Medizin, aus denen das sog. „Kyusho-Jitsu“ konstruiert wurde (mehr dazu in einem eigenen Artikel). Den Kampfkünsten inhärent sind Bewegung und deren affektive und kognitive Verarbeitung.

Was bleibt übrig vom Kata-Training? 

Die formelle Kata hat die Eigenschaft, die in Taisō, Hojo undō und den Partnerformen destillierten Erfahrungen mit dem Körper in eine reduktionistische, aber dafür im Zuge von Solo-Training gut reproduzierbare Form zu bringen. Damit wäre die Kata kein Selbstverteidigungstraining, keine Gymnastik und keine Show, aber eine Folie dessen, was für die Konditionierung des Körpers und die Verkörperlichung von in der Selbstverteidigung anwendbaren Grundlagen notwendig ist. Kata würde daher auch keine „Techniken“ vermitteln, sondern die dafür notwendigen Bewegungsmuster. Dasd bedeutet nichts anderes, als daß Kata Körperarbeit ist. Mit Waffen ausgeführte Kata haben zwar einen pragmatischeren Charakter, da aus der Kombination der Bewegungsgrundlagen mit der Waffe bereist in der Performanz Techniken enstehen. Jedoch benötigt auch die Waffe für eine taugliche Praxis ein Pendant im Training. Die Notwendigkeit der Anwendung des durch die Kata Gelernten bzw. Gefestigten durch das Heraustreten aus der Form (z.B. im Partnertraining)  ist mit wie auch ohne Waffen gegeben.

Wie aber vollzieht sich diese Körperarbeit in der Kata? Eine mögliche Antwort gibt der folgende Artikel, den ich hier empfehlen möchte. Gleichzeitig empfehle ich, die Hinweise auf Akupunkturpunkte und „Qi“ zu überlesen, da diese eher verwirren als den Fokus auf die eigenen Bewegungen zu lenken:

Das Taijiquan verbindet die Ruhe mit der Bewegung. In den klassischen Boxtexten steht dazu „aus dem Zentrum der Ruhe entsteht Bewegung und Bewegung ist wie Ruhe“, das bedeutet auch „die Ruhe erfordert die Bewegung und die Bewegung erfordert Ruhe“. Die Positionen aller einzelnen Körperteile haben speziellen Anforderungen zu entsprechen, hier findet sich eine Auflistung derselben…